In den letzten Jahren hat sich im Urlaubssektor ein neuer „Trend“ hervorgetan, der unter dem Stichwort „Coolcation“ für immer mehr Aufmerksamkeit sorgt. Mich stört dieses Narrativ. Weil die findige Reisebranche ein – meiner Ansicht nach – sehr deutliches Zeichen der Klimaflucht als „Trend“ klassifiziert und vermarktet.
Aber von vorn: Woher kommt der Begriff Coolcation?
„Coolcation“ setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen „cool“ (kühl) und „vacation“ (Urlaub) und beschreibt einen Urlaub in Regionen mit angenehm kühlem oder wenigstens gemäßigtem Klima – als Gegenentwurf zum klassischen Badeurlaub unter der sengenden Sonne am Mittelmeer. Ihr habt sicher schon mitbekommen, dass immer mehr Menschen im Sommer nicht ins heiße Italien oder an die überfüllte Costa del Sol reisen, sondern lieber Abkühlung im Norden suchen – etwa in Skandinavien, im Alpenraum oder sogar in Kanada. Bestimmt gibt es auch in Eurem Bekanntenkreis Leute, die in der letzten Zeit mal Dinge gesagt haben, wie:
Kroatien ist ja wirklich wunderschön, aber im Sommer halten wir es dort kaum noch aus.
Jahrelang sind wir immer nach Südfrankreich gefahren, aber das kommt für uns nicht mehr in Frage. Wir fahren lieber ins kühlere Norwegen.
Ist ja auch sehr verständlich.
Ehrlich – ich kann es nachfühlen.
Die Sommer werden zunehmend wärmer, Hitzerekorde und Dürren nehmen zu. In Teilen von Südeuropa – Griechenland, Spanien, Italien – wurden im Sommer regelmäßig Temperaturen von 40°C und mehr gemessen. Ein beängstigender Gedanke, vor allem, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Proteine im menschlichen Gehirn ab einer Außentemperatur von 40 Grad zu denaturieren beginnen.
Erholung bei großer Hitze wird also in Zukunft immer schwieriger.
Auch, weil Risiken wie Waldbrände oder Wasserknappheit mitreisen. Das hat viele dazu gebracht, ihre Reisepläne zu überdenken und nach Alternativen zu suchen.
Ich denke auch darüber nach, in eine Sommarstuga (dt.: Ferienhaus) in Schweden zu investieren. Das wollte ich schon lange machen, denn ich spreche fast fließend Schwedisch und fühle mich mit dem Land ohnehin sehr verbunden.
Ich bin sogar überzeugt davon, dass die Stuga sich in den kommenden Jahren während der Sommermonate problemlos an Urlauber aus aller Herren Länder vermieten ließe. Weil alle Erholungssuchenden immer mehr vor der großen Hitze flüchten werden.
Trotzdem denke ich bei dieser möglichen Investition weniger an meine Rendite, sondern mehr an die Frage:
Welche Weichen kann ich persönlich noch stellen, damit meine Enkelkinder auch noch in einer halbwegs erträglichen Umgebung aufwachsen können?
Zum Beispiel im Hinblick auf Themen wie Wasserreserven, Klima, Lebenshaltungskosten.
Es zeigt sich immer deutlicher: Es sind nicht mehr viele Weichen vorhanden. Eine (Ferien-)Immobilie in Skandinavien dürfte keine vollkommen dämliche Idee sein.
Welche Coolcation-Reiseziele bieten sich an?
Auf der Hand liegen Reiseziele wie Skandinavien, Schottland, Island, Kanada, den Alpen oder anderen höher gelegenen Regionen:
- Wandern in Nordskandinavien, Schottland, Island, den Alpen oder den schottischen Highlands
- Kanufahren, Kajaken oder SUP auf klaren, kühlen Seen
- Radtouren durch weitläufige, grüne Landschaften
- Surfen, Segeln oder Angeln in norwegischen Fjorden oder an isländischen Küsten
- Erkundungstouren und Kultur in lebendigen Metropolen mit angenehmem Sommerwetter (z.B. Stockholm, Edinburgh)
- Wellness und Entspannung, ohne dabei ins Schwitzen zu kommen
Es spricht generell wenig dagegen, die Schönheit kühlerer Klimazonen zu genießen – ohne den sonst so typischen Massentourismus. Damit wären wir auch beim Thema…
Coolcation und Nachhaltigkeit
Ein Aspekt, der für viele von euch zunehmend an Bedeutung gewinnt: Coolcations bieten meistens mehr Möglichkeiten für nachhaltigen Tourismus. Oft sind die besuchten Regionen (noch) wenig überlaufen, setzen stärker auf umweltschonende Angebote, verzichten auf künstliche Bewässerung oder aufwändige Poollandschaften und ermöglichen regionale, naturnahe Erlebnisse. Viele Reiseveranstalter und Tourismusregionen reagieren bereits auf diese Wünsche – zum Beispiel durch Bahn- oder Busreisen, Elektroboote oder Radverleihsysteme.
Insofern stimmt es ja: Coolcation ist ein „Trend“, der sich verstärken wird. Weil der Klimazug lange abgefahren ist.
Nennt mich Pessimistin, aber ich glaube kaum, dass die Sache mit den Hitzewellen in Südeuropa zur Sommerzeit in den kommenden Jahren besser werden wird. Mit anderen Worten:
Es wird eng werden im Norden Europas und allen nördlichen Gefilden dieser Welt, und das nicht nur zur Sommerzeit.
Eine Zahl dazu: 2024 wurden rund 45,8 Millionen Menschen weltweit wegen Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen innerhalb ihres Landes vertrieben – so viele wie nie zuvor (Quelle).
Deshalb sage ich hier in aller Deutlichkeit:
Coolcation nur als Lifestyle-Trend zu bezeichnen, finde ich vollkommen vermessen.
Meiner Meinung nach ist Coolcation ist die ach-so-trendige Lösung eines First World Problems für alle Privilegierten, die es sich leisten können, in der Urlaubszeit einfach die Fahrtrichtung gen Norden zu wechseln, weil es ihnen in den letzten Jahren in Südeuropa zur selben Zeit am Strand ein bisschen zu heiß geworden ist. Und dazu gehöre ich selbst auch.
Damit habe ich einen Vorteil, von dem afrikanische Flüchtlinge nur träumen können, wenn sie vor Hunger, Armut, Dürre und unerträglicher Hitze über das Mittelmeer flüchten.
Ich sehe Coolcation als deutlich brüllendes Symptom einer Entwicklung, die bereits begonnen hat: Eine neue Form der Völkerwanderung mit dem Hauptgrund Klimaflucht. Deshalb stört es mich sehr, wenn Coolcation als toller Trend angepriesen wird. Weil wir damit die Augen vor den eigentlichen Hintergründen verschließen.


